‘Nazi’-Werbung aus New Yorker U-Bahn entfernt

New York war nicht begeistert, dass seine Züge mit Nazi-Symbolen dekoriert waren. Warum waren sie dort? Und lernen wir etwas, wenn wir uns vorstellen, dass Amerika von Nazis regiert wird?

Pendler in der New Yorker U-Bahn hatten letzte Woche die Wahl: Sie konnten entweder mit dem Gesicht Richtung ‘Aufgehende Sonne’, dem Emblem des Japanischen Kaiserreichs, sitzen, oder auf eine US-Flagge schauen, die mit dem Reichsadler, einem Nazi-Symbol, verziert war.

Die Dekoration in den Zügen war Teil einer Werbekampagne für The Man in the High Castle, eine neue Fernsehserie, die eine Welt zeigt, in der Nazis und Japaner den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Aber für viele Passagiere war es einfach eine Beleidigung.

Entsetzt, dass die Züge mit den Symbolen der früheren Kriegsgegner geschmückt waren, beschwerten sich die Bürger in Scharen. New Yorks Bürgermeister, Bill de Blasio, schaltete sich ein und nannte die Werbung ‘unverantwortlich und beleidigend für die Überlebenden des Zweiten Weltkriegs, des Holocausts und unzählige andere New Yorker’. Letztlich stimmte Amazon, der Produzent der Serie, zu, sie zu entfernen.

Wollte Amazon jemanden beleidigen? Die U-Bahn erlaubt eigentlich keine politische Werbung. Aber diese wurden genehmigt, weil sie ganz klar für ein Produkt warb und nicht für Nazismus oder Japanischen Imperialismus.

Die TV-Serie geht der Frage nach, wie Amerika unter nationalsozialistischer und japanischer Besatzung ausgesehen hätte – in diesem Stil war die Werbung gehalten.

Aber wer die Handlung der Serie nicht kennt, konnte das nicht wissen. Und Kritiker sagen, Amazon hätte bedenken müssen, wie faschistische Symbole in der U-Bahn wirkten. Der fehlende Zusammenhang ist das Problem.

Letztlich beschwerten sich die Menschen nicht über die Serie. Kritiker haben sogar betont, wie gekonnt das Drehbuch die hypothetische Vergangenheit benutzt, um die heutige Gesellschaft darzustellen. Für sie ist es ein gutes Beispiel für das boomende Genre der ‘Alternative History’.

Was wäre gewesen wenn

Manche sehen kontrafaktisches Erzählen – also Dinge, die in der Vergangenheit geschehen hätten können, aber nie geschahen – als bloße Effekthascherei. Schließlich ist Geschichte dafür da, zu erklären, was wirklich passiert ist. Und es ist zu leicht, sich auf ein einzelnes Ereignis zu konzentrieren und den größeren historischen Zusammenhang zu ignorieren. Wenn Kolumbus nicht die Neue Welt entdeckt hätte, hätte es eben jemand anders getan – wo ist der Unterschied?

Andere sagen, indem wir uns vorstellen, was hätte sein können, lernen wir viel darüber, was gerade ist. Mit der düsteren Darstellung eines rassistischen, totalitären Staats zeigt The Man in the High Castle die (relative) Freiheit, die Amerikaner heute genießen. Und, gut gemacht kann kontrafaktische Geschichte richtig Spaß machen. Fällt dir vielleicht ein spannenderes Szenario als “Amerika, nur mit Nazis”?

Du Entscheidest

  1. Welches war die beste Werbung, die du in diesem Jahr gesehen hast. Und warum?
  2. Haben die Werbung und der daraus folgende Skandal Amazon genützt?

Aktivitäten

  1. Entwirf ein Plakat für The Man in the High Castle, das geeignet ist, um es in der Öffentlichkeit zu zeigen.
  2. Beschreibe fünf wesentliche Unterschiede zwischen dem Leben in Nazi-Deutschland und dem in den USA in den 1930er-Jahren.

Manche Leute Sagen

„Geschichte ist dazu da, zu beschreiben, nicht zu spekulieren.“

Was meinst Du?

F & R

Der Zweite Weltkrieg ist lange her, warum sind die Menschen heute noch so empfindlich bei diesem Thema?
Wie de Blasio sagte, sind einige Kriegsveteranen immer noch am Leben und die Werbung könnte schlimme Erinnerungen wachrufen. Und überhaupt: In einem Zeitalter, in dem es an vielen Orten noch immer totalitäre Regimes gibt, denken einige, dass es unsensibel ist, faschistische Symbole zu verwenden, um eine Produkt zu verkaufen.
Warum akzeptiert die New Yorker U-Bahn keine politische Werbung?
Im April wurde entschieden, politische Werbung zu verbannen, weil sie häufig zu teuren und zeitraubenden Prozessen führt. Verfechter der Meinungsfreiheit haben diese Entscheidung kritisiert, denn die Subway sei ein öffentlicher Raum und somit ein gutes Forum für eine politische Debatte.

Wichtige Begriffe

Aufgehende Sonne
Die Flagge der Armee des Japanischen Kaisereichs (1870-1945) zeigt eine rote Sonne mit roten Strahlen. Es ist der Vorläufer der modernen Japanischen Flagge, auf der die Sonne – nicht aber die Strahlen – zu sehen ist.
Reichsadler
Seit Jahrhunderten, vom Heiligen Römischen Reich bis zur Bundesrepublik, findet sich ein schwarzer Adler auf deutschen Armeeuniformen. Die NSDAP benutzte ihn für ihr Reichsadler-Symbol, bei dem der Vogel auf einem mit Eichenblättern umrankten Hakenkreuz sitzt.
Alternative history
Eine Genre der Fiktion, das von Welten handelt, die anders sind als unsere, weil die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat, als in der Wirklichkeit.
Columbus
Christopher Columbus (1451-1506) war ein italienischer Seefahrer, der im Auftrag der Spanischen Krone die Neue Welt – insbesondere die Amerikas– entdeckte und besiedelte.