Letzte KZ-Überlebende gedenken ihrer Befreiung

Die letzten Zeitzeugen der Konzentrationslager der Nazis versammelten sich mit Adel und Staatsoberhäuptern, um an den Holocaust zu erinnern. Was kann man heute aus dem Ereignis lernen?

‘Auf über 2,5 Hektar Grund lagen überall tote und sterbende Menschen. Mann konnte sie kaum voneinander unterscheiden. Die Lebenden lehnten ihre Köpfe an die Leichen, während ringsum eine scheußlich geisterhafte Prozession von abgemagerten und hoffnungslosen Gestalten umherirrte.’

Das sagte der BBC-Sprecher Richard Dimbleby, als er 1945 mit den britischen Befreiungstruppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen betrat. Als die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg Europa besetzten, stießen sie auf die Überreste von Hitlers ‘Endlösung’ – der systematischen Ermordung europäischer Juden.

Am 27. Jänner 2015 versammelten sich viele der letzten KZ-Überlebenden anlässlich des 70. Jahrestags ihrer Befreiung. Überall auf der Welt hielten Menschen in Gedanken inne.

Das Ausmaß des Holocausts ist unvorstellbar, wie die Geschichten der Gefangenen, die ihre eigenen Gräber schaufeln mussten. Viele starben durch Hunger oder Vergasung. Von den insgesamt 7,4 Mio. damals in Europa lebenden Juden starben 78%, also 6 Mio. durch den Holocaust.

Diese Zahl steht für einen der schlimmsten Völkermorde der Geschichte und stellt die Spitze der steigenden Diskriminierung seit Hitlers Machtergreifung 1933 in Deutschland dar.

Neben Juden starben auch politische Gegner, Roma, homosexuelle und politische Gefangene, sowie geistig oder körperlich Behinderte in den Lagern durch Gas, Vernachlässigung, Hunger oder Krankheit, was die Gesamtopferzahl auf 11 Mio. treibt.

Daran zu erinnern ist heute wichtiger als je zuvor. Dieses Jahr wird vermutlich das letzte Treffen jener, die es selbst überlebt haben, stattgefunden haben. So hatten etwa zum 60. Gedenktag noch 1.500 Überlebende teilgenommen. Dieses Jahr zählt man rund 300, die meisten von ihnen sind über 90 Jahre alt. Ein Teilnehmer bezeichnete das Treffen als Übergangsritus; den Moment, an dem die Staffel nun weitergegeben wird.

Niemals wieder

War der Holocaust ein Einzelfall? Manche glauben das. Nie zuvor wurde derart systematisch, organisiert und massenhaft gemordet, noch dazu durch eine vermeintlich zivilisierte Nation. Das Ereignis zeigte die ‘Banalität des Bösen’ auf und zwang uns, die gesetzliche Rechtssprechung und Moral weltweit zu überdenken. Dies mit anderen Verbrechen gleichzustellen würde dessen immense Boshaftigkeit schmälern.

Das heißt aber nicht, dass es nie wieder passieren kann, sagen andere. Die Nazis waren zwar Monster, aber doch auch nur Menschen, die mit einer paranoiden, rassistischen Idee verseucht wurden. Diese Idee schleicht leider immer noch in Teilen Europas umher. Wir sollten den Holocaust also nicht als einmalig abtun, denn jede Gesellschaft ist zu ähnlichen Gräueltaten fähig.

Du Entscheidest

  1. War der Holocaust wirklich ein einmaliges Ereignis?
  2. Warum ist es wichtig, sich an den Holocaust zu erinnern? Was lernen wir daraus?

Aktivitäten

  1. Zeichne eine Zeitachse, welche die voranschreitende Judenverfolgung in Deutschland durch die Nazis darstellt.
  2. Stelle dir vor, du wärst ein Deutscher in der Vergangenheit, der unter dem Naziregime lebt. Schreibe einen fiktiven Tagebucheintrag dazu.

Manche Leute Sagen

„Der Weg nach Auschwitz wurde zwar durch Hass geebnet, aber durch Apathie gepflastert.’Ian Kershaw“

Was meinst Du?

F & R

Der Holocaust wird nie wieder passieren, oder?
Es ist zwar höchst unwahrscheinlich, besonders da die Propaganda damals alle Gesellschaftsschichten erreichte. Der Holocaust hatte in Europa eine Welle an Empörung und Sinnsuche ausgelöst und gab wichtige Impulse für den Erlass des internationalen Menschenrechtsgesetzes. Trotzdem existiert Antisemitismus auch heute noch und manche Leute meinen, dass er noch schlimmer wird.
Wird es denn schlimmer?
Der Israel-Gaza Konflikt des letzten Sommers hatte europaweit neue antisemitische Wellen geschlagen und viele Juden waren besorgt, insbesondere wegen der Terrorangriffe in Paris letzten Monat, wobei auch Juden umkamen. Obwohl es wichtig ist, sich gegen Vorurteile oder Rassismus aufzulehnen, muss man nicht gleich in Massenhysterie verfallen.

Wichtige Begriffe

Richard Dimbleby
Dimbleby brach während dieses Berichtes mehrmals zusammen. Der BBC wollte den Bericht zunächst nicht senden, da man ihm nicht glaubte. Erst als Dimbleby mit seinem Rücktritt drohte, wurde der Bericht veröffentlicht.
Bergen-Belsen
Zunächst als Kriegsgefangenenlager konzipiert, diente es ab 1943 ausschließlich als Konzentrationslager für jüdische Häftlinge. Man schätzt die Zahl der dortigen Todesopfer auf 70.000.
Endlösung
Ein Nazi-Vorhaben, mit dem die jüdische Bevölkerung in Deutschland ausgelöscht werden sollte. Die Modalitäten dazu wurden im Jänner 1942 bei der Wannseekonferenz ausgearbeitet.
Diskriminierung
In den Jahren vor dem Holocaust fand der größte antisemitische Gewaltausbruch in der so genannten Kristallnacht statt, als jüdische Geschäfte und Synagogen zertrümmert und in Brand gesteckt wurden. Juden wurden von Arbeit und Schule ausgeschlossen und gezwungen, einen gelben Stern als Zeichen zu tragen.
‘Banalität des Bösen’
Eine Phrase, die die Schriftstellerin und Philosophin Hannah Arendt kreierte, nachdem sie den Prozess an Adolf Eichmann, eines der Schlüsselfiguren in der Organisation des Holocaust, beigewohnt hat. Arendt sagte, dass die Verbrechen gerade durch ihre völlige Akzeptanz in der damaligen Gesellschaft und der Abwesenheit jeglicher moralischer Bedenken, noch schrecklicher und brutaler wirkten.