Kriegsverbrecherkampagne verbreitet sich schnell

Junge Aktivisten haben über Poster und Internet auf Verbrechen aufmerksam gemacht.

Jahrzehntelang hat Joseph Kony Kinder versklavt und sie gezwungen, ihre Heimat zu verheeren. Nun verlangen viele über Facebook, dass er vor Gericht gestellt wird. Experten bleiben skeptisch.

Facebook- und Twitteraccounts quollen gestern mit Aufforderungen über, Kony zu stoppen. Aber wer ist eigentlich dieser Kony?

Das Begleitvideo lieferte die Erklärung: Joseph Kony ist ein Warlord aus Uganda, der für einige der schlimmsten und blutigsten Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart verantwortlich ist. Seine Rebellenorganisation, die Lord’s Resistance Army, besteht zu großen Teilen aus entführten Kindersoldaten, die gezwungen werden, schreckliche Akte der Gewalt zu begehen.

Aber das Video war mehr als nur eine Doku. Es war ein Aufruf zu handeln, produziert von einer Wohltätigkeitsorganisation namens Invisible Children. Die geschilderten Gräueltaten waren von einer inspirierenden Hoffnungsbotschaft überlagert: Gemeinsam können wir die Verbrechen beenden. Wir müssen nur Solidarität zeigen.

Was uns beschäftigt, beschäftigt auch die Politiker, da sie auf unsere Stimmen angewiesen sind. Invisible Children drängt westliche Staaten, solange Truppen in Uganda zu lassen, bis Kony gefasst und vor Gericht gestellt ist.

Für viele Experten ist dieses Argument jedoch simplifizierend. Sie glauben, dass sich Kony gar nicht in Uganda befindet. Die LRA besteht heute nur aus ein paar hundert Kämpfern, die auf eine Fläche in der Größe Großbritanniens verteilt sind. Hauptziel ihrer Terroraktionen sind schon lange die Nachbarstaaten Sudan und Kongo.

Außerdem sind auch die ugandischen Soldaten weit davon entfernt, Engel zu sein. Die Armee erscheint äußerst zwielichtig und wird beschuldigt, Spendengelder für den Diamantenschmuggel zu verwenden. Konys Gefangennahme kann überdies nur über den Kampf gegen seine Kindergarde gelingen.

Norduganda ist heute viel friedlicher, als die Kampagne Kony 2012 vermuten lässt. Es gibt zwar noch immer Konflikte, aber die Hauptprobleme liegen wo anders: Krankheiten, Armut und extrem hohe Kinderprostitution. Viele Bewohner Ugandas sowie Entwicklungshelfer sagen, dass das Land nun Frieden und Wirtschaftswachstum braucht – und keinen Militärschlag.

Unerwünschte Hilfe?

Unterstützer von Kony 2012 sagen, dass die Kampagne die Welt zum Guten verändern kann. Noch vor ein paar Tagen wusste niemand, wer Kony ist. Jetzt, dank der Macht von sozialen Netzwerken, können wir gemeinsam den Opfern helfen und Afrika von einem seiner gefürchtetsten Verbrecher befreien.

Kritiker mahnen zur Geduld. Es ist großartig, dass das Video so vielen die Augen geöffnet hat, aber Anteilnahme ist erst der Anfang. Wir müssen den Kontext und die Konsequenzen genau bedenken, bevor wir Handlungen setzen. Vor allem müssen wir die Ugander selbst anhören. Wirkliche Veränderung braucht mehr als nur ein paar Klicks, nämlich Zeit, Mühe und authentisches Engagement.

Du Entscheidest

  1. Sollten spezielle Angelegenheiten Experten überlassen werden?
  2. Wie können Internetkampagnen einen wirklichen Unterschied machen?

Aktivitäten

  1. Sie dir den ClipKony 2012an und analysiere die Techniken, die eingesetzt werden, um Emotionen wie Traurigkeit oder Hoffnung auszulösen.
  2. Auf welches Problem würdest du am liebsten aufmerksam machen? Entwirf eine Facebook- oder Twitterkampagne.

Manche Leute Sagen

„Viele unterstützen Hilfsorganisationen nur, um sich besser zu fühlen.“

Was meinst Du?

Wichtige Begriffe

Kindersoldaten
Die Lord’s Resistance Army rekrutiert ihre Kämpfer auf grausamste Art und Weise. Dörfer werden überfallen und die entführten Kinder zu Mord, Vergewaltigung und Verstümmelung gezwungen. Sogar Kannibalismus kommt vor. Die Kinder müssen dann in anderen Dörfern dieselben Horrortaten verüben, denen sie selbst ausgeliefert waren.
Invisible Children
Die Organisation hat zwei Flügel: Ein Flügel veranstaltet Kampagnen in den USA, ein anderer kümmert sich um die von der LRA betroffenen Regionen. Invisible Children wird von vielen bewundert, andere werfen der Organisation jedoch vor, zu viele Ressourcen in das Produzieren von Videos zu stecken.
Lassen
Präsident Barack Obama hat bereits letzten Oktober 100 Soldaten nach Uganda gesandt – nicht um zu kämpfen, sondern um die ugandischen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Da der Erfolg jedoch zu wünschen übrig lässt, könnten sie wieder abgezogen werden.
Krankheiten
In Norduganda gibt es viele Gesundheitsprobleme, wie z. B. das neue und mysteriöse „Kopfnick-Syndrom“. Diese Gehirnerkrankung betrifft vor allem kleine Kinder und führt zu Anfällen, in denen sie unkontrolliert mit dem Kopf nicken. Viele sterben an den so verursachten Hirnschäden.