Ivankas fragwürdige Rolle im Weißen Haus

Guter Rat: Ihr Anwalt sagt, Ivanka Trump wird als die “Augen und Ohren“ ihres Vaters agieren.

Sie gilt als “wahre Macht hinter dem Thron“. Nun bezieht Ivanka Trump ein Büro im Weißen Haus. Manch einer zweifelt, ob so viel Nähe zwischen dem Präsidenten und seiner Familie gut ist...

Als Donald Trump und Angela Merkel, die mächtigsten Politiker der westlichen Welt, sich im März zum ersten Mal trafen, machte eine andere Person im Raum Schlagzeilen: Ivanka Trump, Lieblingskind des US-Präsidenten und dessen enge Vertraute. Kurz darauf verkündete ihr Anwalt, dass sie im Weißen Haus ein Büro bekommt. Ihre Funktion ist unklar. Anders als Ivankas Ehemann Jared Kushner, ein offizieller Berater des Präsidenten, wird sie nicht bei der Regierung angestellt sein. Einflussreich ist sie auf jeden Fall.

Die Rolle der “First Daughter“ (Erste Tochter), wie auch die ihres Mannes, wirft Fragen auf – von persönlichen Überzeugungen bis zu Geschäftsinteressen. Grundsätzlich geht es um das alte Thema Nepotismus. Viele denken, Ivanka wurde nur in eine Machtposition katapultiert, weil ihr Vater Präsident ist.

Das Wort “Nepotismus“ hat in den USA einen üblen Beigeschmack. Die Staatsgründer lehnten Monarchie und Günstlingswirtschaft strikt ab; sie wollten eine meritokratische Gesellschaft. Über die Jahre wurden die Privilegien durch Herkunft abgeschafft, von Jeffersons Reform der Erbschaftssteuer bis zum Civil Rights Act.

Dennoch blieb Nepotismus bestehen. Sowohl John Adams als auch John F. Kennedy besetzten Schlüsselpositionen mit Familienmitgliedern. Das ist auch in der Business-Welt üblich, von familiengeführten Bestattungsinstituten bis zu Murdochs Medienimperium. Donald Trump selbst hat Geld und Kontakte von seinem Vater geerbt, einem Bauunternehmer.

Der Schriftsteller Adam Bellow sagt: “Berufliche Traditionen innerhalb von Familien sind Teil unserer Gesellschaftsstruktur.“ Seiner Ansicht nach helfen sie dabei, Geschäftszweige über Generationen hinweg zu erhalten. Sie bilden Vertrauen in Unternehmen und bringen einen Sinn für Verbindlichkeit und Bescheidenheit hervor – was besser ist als die Rücksichtslosigkeit in einer Meritokratie. Ist Nepotismus also wirklich schlecht?

Wie der Vater, so die Tochter

Ganz und gar nicht, sagen die Einen. Kinder erleben die Arbeitswelt ihrer Eltern von klein auf mit und erwerben allein dadurch die Qualifikationen für deren Beruf. Sie arbeiten auch oft besonders hart, um sich gegen den Vorwurf einer Vorzugs-Behandlung zu wehren. Sogar die liberalen Medien loben Ivankas Führungsqualitäten; ihre Berater-Rolle macht also Sinn.

Andere finden diese Argumentation heuchlerisch. Das Kind eines Chefs mag qualifiziert sein, aber das Gleiche gilt für viele Andere, die nicht die Verbindungen haben, um es zu beweisen. Und falls das Kind keinen guten Job macht, wird es wohl nicht so schnell gefeuert. Nepotismus ist kontraproduktiv und unfair. Ivanka predigt Frauenrechte, doch sie glaubt offensichtlich nicht an echte Gleichberechtigung.

Du Entscheidest

  1. Wenn Du eine Firma hättest, würdest Du Mitglieder derselben Familie einstellen, auch Ehepaare? Warum? Warum nicht?
  2. Wird Ivanka Trump die US-Regierung eher positiv oder negativ beeinflussen?

Aktivitäten

  1. Schreibe einen Lebenslauf für Ivanka Trump.
  2. Diskutiere mit der Klasse, ob sie allein auf der Grundlage ihres Lebenslaufs geeignet wäre, den Präsidenten zu beraten.

Manche Leute Sagen

„Die Familie ist eins der Meisterwerke der Natur.“ – George Santayana“

Was meinst Du?

F & R

Was wissen wir?
Ivankas Rolle ist legal. Zwar ist es Bundesbeamten verboten, Verwandte an ihre Behörde zu berufen. Aber da es sich beim Weißen Haus nicht um eine Behörde handelt, erklärte das Justizministerium Kushners Ernennung für rechtmäßig. Ivanka ist ohnehin nicht offiziell angestellt.
Was wissen wir nicht?
Was ihre Aufgaben sein werden. Ihr Anwalt hat nur gesagt, dass sie “Augen und Ohren“ ihres Vaters sein und ihn zu vielen Themen beraten wird. Das ist ziemlich unkonkret.
Was denken die Leute?
Die “First Daughter“ scheint liberaler zu sein als ihr Vater. Sie setzt sich für die Gleichberechtigung ein und scheint besorgt in puncto Klimawandel. Viele hoffen auf ihren mäßigenden Einfluss, andere glauben, dass es ihr nur um die eigene Macht und/oder Bereicherung geht.

Wichtige Begriffe

Lieblingskind
Das sagten Trumps andere Kinder 2015 in der TV-Sendung 20/20.
Geschäftsinteressen
Ivanka hat die Führung ihres Unternehmens abgegeben, bleibt jedoch Eigentümerin. Ihre Anteile verwaltet ein Treuhand-Fond, den Verwandte ihres Mannes leiten.
Nepotismus
Der Begriff stammt aus dem Mittelalter, als Päpste hochrangige Positionen gern mit ihren Neffen besetzten (von denen manche in Wirklichkeit Söhne waren). Er kommt von dem lateinischen Wort für Neffe, “nepos“.
Erbschaftsreform
Thomas Jefferson war ein Vorkämpfer für die Abschaffung der Regel, dass der erstgeborene Sohn das ganze Familienerbe erhält. Land und Besitz sollten zwischen den Kindern aufgeteilt werden, was die Macht der Familie schmälerte.
Adam Bellow
Bellow ist der Sohn des berühmten Schriftstellers Saul Bellow und Autor des Buches In Praise of Nepotism: A Natural History, in dem er den Nepotismus lobt.
Loben
Im April 2016 veröffentlichte die Washington Post ein begeistertes Porträt über Ivanka. Überschrift: “Donald Trump ist nicht einmal der beste Präsidentschaftskandidat in seiner Familie.“