Harry Potter und die Saat politischen Handelns

Er hat die ganze Welt verzaubert: Die Harry-Potter-Romane wurden in 79 Sprachen übersetzt.

Vor 20 Jahren erschien der erste Harry-Potter-Band. Die Bücher haben das Weltbild einer ganzen Generation beeinflusst. Können sie uns auch helfen, die aktuelle politische Lage zu begreifen?

An einem Junimorgen 1997 kam ein neuer Roman für Kinder in die Buchläden. Nichts deutete auf einen großen Erfolg hin. Zwölf Verlage hatten ihn abgelehnt. Die erste Auflage betrug 500 Exemplare. Es gab keinen Werbe-Etat.

Zwanzig Jahre später hat sich die siebenbändige Reihe, die mit Harry Potter und der Stein der Weisen begann, weltweit über 450 Millionen Mal verkauft. Sie hat Filme, Theaterstücke, Videospiele und Vergnügungsparks hervorgebracht und ihre Autorin, J.K. Rowling, zur Milliardärin gemacht.

Harry Potter wurde zum Schlüsselerlebnis einer Generation. Lesen war auf einmal wieder cool; sogar Erwachsene begeisterten sich plötzlich für Kinderliteratur. Harrys Universum prägte das Weltbild der Jahrtausender (auch Millennials oder Generation Y genannt), ihre “moralische Vorstellungskraft”, wie ein Journalist es nennt.

Die Harry-Potter-Bücher sind zutiefst moralisch. Sie erzählen vom Kampf einer liberalen „guten“ Seite gegen eine fanatische „böse“ Seite. Ihre Figuren – versklavte Elfen, ausgegrenzte Werwölfe – spiegeln reale Verhältnisse wider. Das hat die Jahrtausender beeinflusst. Studien zeigen, dass Harry-Potter-Leser eher tolerante Einstellungen und keine sehr hohe Meinung von Donald Trump haben.

Angesichts der spalterischen Kampagnen vor dem Brexit und der US-Präsidentschaftswahl drängen sich Vergleiche tatsächlich auf. Bei den Frauenmärschen im Januar war auf Transparenten zu lesen: “Hermine würde das nicht hinnehmen”. Und Studenten der Elite-Universität Harvard, die Trumps Pläne bekämpfen, ließen sich von Dumbledores Armee inspirieren.

Rowling heizt das Feuer an. Per Twitter verbreitet sie ihre Ansichten unter ihren elf Millionen Followern und zitiert dazu oft ihr eigenes Werk: Hogwarts sei ein “sicherer Ort” für LGBT-Schüler; Vernon Dursley hätte für den Brexit gestimmt; Trumps Einreiseverbot für Muslime sei schlimmer als alles, was Voldemort tun würde.

Die Harry-Potter-Romane sind Klassiker des Fantasy-Genres. Aber taugen sie auch als politische Lektüre?

Schwarze Magie

Natürlich, sagen die einen. Die autoritäre Lehrerin Umbridge, der unfähige Zaubereiminister, der Rassismus gegen die Schlammblüter... Auch wenn es sich bei Harry Potter um Fiktion handelt, kann man viel über gesellschaftliche Probleme lernen. Kein Wunder, dass die Generation Y in den Büchern nach Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit sucht.

Andere mahnen zur Vorsicht. Zwar lehren die Bücher ehrbare Werte wie Toleranz und Milde, doch in erster Linie ist es ihr Ziel, eine klare, mitreißende Geschichte zu erzählen. Deshalb werden Dinge vereinfacht dargestellt. Reale politische Prozesse aber sind vielschichtig. Trump mit Voldemort zu vergleichen, ist falsch und nicht hilfreich.

Du Entscheidest

  1. Sind die Harry-Potter-Romane die besten Bücher, die je geschrieben wurden?
  2. Können wir durch Fantasy-Geschichten mehr über die echte Welt lernen als durch Erfahrungsberichte?

Aktivitäten

  1. Such’ Dir ein politisches Thema aus, über das The Day vergangenen Monat berichtet hat. Schreibe eine kurze Geschichte über dieses Thema, egal in welcher Form.
  2. Welches Buch, das Du gelesen hast, hat Dich am meisten beeinflusst? Erkläre Deine Wahl in einer dreiminütigen Präsentation.

Manche Leute Sagen

„Es kommt nicht darauf an, als was man geboren wird, sondern zu wem man heranwächst.” Albus Dumbledore“

Was meinst Du?

F & R

Was wissen wir?
Als J.K. Rowling den Stein der Weisen schrieb, war sie eine alleinerziehende Mutter, die von staatlicher Unterstützung lebte. Das Buch wurde von großen Verlagen mit der Begründung abgelehnt, es sei zu lang für Kinder und zu kindisch für Erwachsene. Der Bloomsbury-Chef nahm es nur deshalb an, weil seine Tochter vom ersten Kapitel so begeistert war. Er sollte ihr dankbar sein!
Was wissen wir nicht?
Viele Leute haben versucht, herauszufinden, warum Harry Potter so ein Über-Bestseller wurde. Manche denken, es liegt daran, dass Rowlings Geschichten in einer Schule spielen. Andere glauben, es ist ihr abseitiger Humor oder ihre Figuren, Außenseiter wie das Waisenkind Harry und die Streberin Hermine. Oder es ist einfach ihr erzählerisches Können. Was meinst Du?

Wichtige Begriffe

Auflage
Verlage drucken immer nur eine bestimmte Anzahl Exemplare eines Buches, die “Auflage”. Verkauft sie sich gut, wird nachgedruckt. Werke unbekannter Autoren starten meist mit einer kleinen Auflage.
Milliardärin
Laut Guinnessbuch der Rekorde ist Rowling eine von fünf Frauen, die aus eigener Kraft mehr als eine Milliarde US-Dollar erwirtschaftet haben. Durch ihre Spenden ist ihr Vermögen auf unter eine Milliarde gesunken.
Jahrtausender
Die Generation der Leute, die in den 1980er und 1990er Jahren geboren wurden.
Werwölfe
Der Lehrer Remus Lupin verheimlicht, dass er ein Werwolf ist. Laut Rowling steht er für Leute mit stigmatisierenden Krankheiten wie AIDS.
Dumbledores Armee
Eine Gruppe Hogwarts-Schüler, die sich heimlich trifft, um Zaubersprüche gegen Schwarze Magie zu erlernen.
Autoritär
Gehorsam gegenüber den Mächtigen zählt mehr als persönliche Freiheit. Trump wird von Kritikern oft als autoritär beschrieben.
Schlammblüter
Ein abwertender Begriff für Zauberer oder Hexen mit nicht-magischen Muggel-Eltern. Von vielen „rein“ magischen Familien werden sie verachtet.