Gerissener Politiker und Symbol der Hoffnung

Nach der allgmeinen Trauer um Nelson Mandela tauchen immer mehr Bemerkungen zu seinem Ego und seiner Hinterlist auf. Inwiefern waren diese „Makel“ Teil seiner Größe?

Als Mandelas Tod bekannt wurde, brach die Welt in überschwängliche Lob- und Dankbarkeitsbekundungen aus. Kaum eine politische Figur zuvor hat eine derart emotionale Reaktion ausgelöst. In den Augen der Welt war er weitaus mehr als ein Politiker; er wurde zum weltweiten Symbol für Freiheit und Vergebung, Mut und Gerechtigkeit, Harmonie und Hoffnung.

Der emotionalen Huldigung bei der Trauerrede folgten jedoch schon bald eher nüchternere Analysen des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas. Während „Madiba“ (der Name des Clans, dem er zugehörte) ohne Zweifel große Ideale verfolgte, kann man aus den ihm gewidmeten Nachrufen erkennen, dass er Probleme nicht immer mit Samthandschuhen anfasste. Er war ein Kämpfer und Spitzenpolitiker, der es verstand, neben noblem Idealismus auch sein Ego und seine Tücke einzusetzen.

Mandela glaubte von seiner Jugend an, für etwas Großes bestimmt zu sein. So sagte er in den 1950er Jahren, als in Südafrika die Apartheid (Rassentrennung) noch aktuell war, voraus, einmal das Land regieren zu werden. Sogar seine Mitstreiter empfanden diese Aussage als verblendet und anmaßend.

Jedenfalls wusste Mandela, was er wollte und ging keine billigen Kompromisse ein. In der Zeit seiner Haft weigerte er sich, mit der Obrigkeit zu verhandeln und eine bedingte Entlassung zu erwirken, was ihn zur Ikone des Widerstands machte. Als die Macht der rassistischen Führer zu bröckeln begann, kollaborierte er mit ihnen hinter dem Rücken seiner eigenen Revolutionsgefährten. Um sein Hauptziel – die politische Gleichstellung der Rassen – zu erreichen, opferte er auch den radikalen Idealismus seiner Bewegung.

Es ist vor allem ein Element aus Mandelas politischer Vergangenheit, das viele stört: Seine Duldung physischer Gewalt im Dienste der Gleichheit. Zwar war Gewalt für ihn immer das letzte Mittel, aber längerfristig sei es „sinnlos und aussichtslos, friedlich gegen eine Regierung vorzugehen, deren Antwort ausschließlich in rücksichtsloser Gewalt besteht“.

Eine vorzügliche Kombination

Die vielen Qualitäten Mandelas wie Mut, Weisheit, Mitgefühl, Redegewandtheit und Klasse an sich sind unumstritten, allerdings ähnelten seine Methoden manchmal weniger beliebten Anführern. Manche sehen darin eine Warnung vor überschwänglicher Bewunderung. Mandela war eben auch nur ein Mensch und kein Heiliger.

Andere meinen, dass die starrköpfige Art Mandelas auch eine positive Botschaft mit sich bringt: Solange sich Politiker für die gute Sache einsetzen, können sie durchaus ehrgeizig und kalkulierend sein. Mandela hat der zynischen und gleichgültigen Welt bewiesen, dass Vernunft und Idealismus die Welt verändern können. Mit seinen eigenen Worten gesprochen: „Ein guter Kopf und ein gutes Herz sind immer eine vorzügliche Kombination.“

Du Entscheidest

  1. „Nelson Mandela ist eine Lektion darin, dass Politik eine enorme positive Auswirkung haben kann.“ Stimmst du zu?
  2. Ist Gewalt im Kampf für die Freiheit gerechtfertigt?

Aktivitäten

  1. Gibt es heute politische Anführer auf der Welt, die das Potential eines Nelson Mandela haben? Debattiert in eurer Klasse über das Thema und nennt einige mögliche Kandidaten.
  2. Schreibe einen eigenen Nachruf auf Nelson Mandela. Welche seiner Eigenschaften und Errungenschaften würdest du erwähnen?

Manche Leute Sagen

„Lenke aus dem Hintergrund und lasse die anderen glauben, sie säßen vorne am Steuer.“

Was meinst Du?

F & R

Ich wünschte, in meinem Land gäbe es jemanden wie Nelson Mandela.
Millionen denken so wie du. Manche sagen, große Anführer sind das Produkt großer Konflikte. So wäre Winston Churchill ohne den Zweiten Weltkrieg bestenfalls als interessanter Einzelgänger bekannt geworden. Das soll aber die Bedeutung „normaler“ Staatschefs nicht schmälern, schließlich brauchen die Menschen auch in Friedenszeiten Inspiration.
Echt? Da bin ich nicht so optimistisch.
Inspirierende Politik hängt nicht allein von Politikern ab. Willst du die Welt verändern, dann musst du helfen, sie mitzugestalten. Beteilige dich an der Politik, fordere mehr von den Abgeordneten. Mit Zynismus erreicht man jedenfalls nichts.

Wichtige Begriffe

Trauerrede
Eine Trauerrede wird bei einem Begräbnis für den Toten gehalten.
Apartheid
Bedeutet “Getrenntheit” in Afrikaans, der Sprache der Nachkommen der holländischen Kolonialherren in Südafrika. Unter diesem System wurden Bürger nach ihrer Hautfarbe kategorisiert und es war ihnen verboten, sich gemischt auf öffentlichen Plätzen wie Schulen, Bussen oder sogar Stränden aufzuhalten. Farbige wurden von jeglicher politischer Mitwirkung ausgeschlossen, wobei Proteste dagegen mit Gewalt beantwortet wurden.
Kollaborierte
Die südafrikanische Abwendung von der Apartheid gelang durch eine Kooperation zwischen schwarzen Anführern wie Nelson Mandela und weißen Rechtsextremen, welche zuvor die Apartheid unterstützt hatten. 1993 erhielt einer dieser Politiker, F. W. Klerk, gemeinsam mit Mandela den Friedensnobelpreis.
Radikalen Idealismus
Nelson Mandela und viele andere Mitglieder des African National Congress movement glaubten daran, dass politische Rechte allein nicht genug sind. Sie forderten die Rückgabe weiter Landflächen Südafrikas an die enteignete schwarze Bevölkerung. Mandela opferte jedoch dieses und viele andere Ziele, um die südafrikanische Verfassung durchbringen zu können, weswegen bis heute eine große ökonomische Kluft zwischen den weißen und den schwarzen Bürgern besteht.