Eskalierende Proteste veranlassen ägyptische Minister zum Rücktritt

Vor acht Monaten stürzte das bevölkerungsreichste arabische Land einen Diktator nach dreißigjähriger Herrschaft. Jetzt sind die Demonstranten zurück – und sie wollen die Revolution beenden.

Für den Chirurgen Tarek Salama ist dies „der Knackpunkt, auf den wir alle gewartet haben. Mubarak loszuwerden war nur das Aufwärmen. Dies ist der wirkliche Showdown.“ Er könnte recht haben. Tausende Demonstranten singen nun in den Straßen von Ägypten und zwangen letzte Nacht das gesamte ägyptische Kabinett, seinen Rücktritt anzubieten.

„Mubarak loszuwerden“, wie es Salama ausdrückt, war sicherlich einer der dramatischsten politischen Umbrüche, die der Mittlere Osten je gesehen hat. Hunderttausende Ägypter trotzten Tränengas und Kugeln, um Mubaraks Regierung, ein brutales und autoritäres Regime, zu stürzen.

Worum handelt es sich nun bei diesem „wirklichen Showdown“, der die große ägyptische Revolution wie ein „Aufwärmen“ aussehen lässt? Es ist der Kampf gegen die Organisation, die Mubarak abgelöst hat: der Militärrat (SCAF: Supreme Council of the Armed Forces).

Geführt von Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi, hätte der SCAF Ägypten zu freien Wahlen führen sollen. Parlamentswahlen sollten nächste Woche beginnen, und Präsidentschaftswahlen waren für das kommende Jahr geplant.

Aber schon bald traten Zweifel bezüglich der tatsächlichen Bereitschaft der Armee zu demokratischen Reformen auf. Ägypten ist seit seiner Unabhängigkeit von Militärs geführt worden und die Generäle des Militärrats scheinen diese Tradition fortsetzen zu wollen. Demonstranten haben auch angemerkt, dass viele der Generäle enge Verbündete von Mubarak waren. Auf der einen Seite spricht der SCAF von Veränderung. Auf der anderen jedoch verhält sich der Rat ähnlich wie das alte Regime: viel Gerede von Reform, aber wenig Taten.

Aus diesem Grund kehrten letztes Wochenende ägyptische Jugendliche – sowohl liberale als auch islamistische – auf die Straßen zurück, um eine zweite Schlacht gegen die Unterdrückung zu schlagen. Gestern Nacht sangen sie wieder auf dem Tahrir-Platz: „Sagt es und habt keine Angst: SCAF muss gehen!“

Es wird ein schwieriger Kampf. Die Zahl der Verletzten steigt schnell, wenn Demonstranten und Sicherheitskräfte aufeinanderprallen. Die Lazarette sind voll von Menschen, die ihr Augenlicht aufgrund von Gummigeschoßen verloren haben. Auf einige ist auch mit scharfer Munition geschossen worden. Der nächtliche Himmel ist bedeckt mit Steinen und Molotowcocktails, die zwischen den Fronten hin und herfliegen. Bis jetzt sind 24 junge Menschen getötet worden.

Unvollendete Mission

Zwei entgegengesetzte Kräfte ringen nun um die Kontrolle des Landes. Auf der einen Seite die Generäle, die behaupten, die Unterstützung von Ägyptens schweigender Mehrheit zu haben. Sie sagen, dass Reformen mit der Zeit kommen werden. Kurzfristig sei eine starke Führung gefragt, um Stabilität zu garantieren und die schwache Wirtschaft zu schützen. Viele arme Ägypter aus den ländlichen Regionen unterstützen diese Meinung und ziehen den Risiken der Freiheit finanzielle Sicherheit vor.

Auf der anderen Seite gibt es die jungen Revolutionäre, für die eine „vorsichtige Reform“ überhaupt keine Reform darstellt. Jetzt haben sie die Geduld verloren: „Unsere Hauptforderung ist ein Datum“, sagte ein Mann auf der Straße. „Wann legt ihr die Macht zurück?“

Du Entscheidest

  1. Haben junge Menschen in Ägypten recht, wenn sie gegen die Militärregierung protestieren?
  2. Unter welchen Umständen würdest du Verletzungen und Tod riskieren, um gegen deine Regierung zu protestieren?

Aktivitäten

  1. Entwirf eine künstlerische Antwort auf diese oder andere Proteste. Deine Antwort muss die Proteste nicht unbedingt unterstützen.
  2. Wähle eine Revolution aus der Geschichte und erforsche ihren Ablauf. Hat sie zu Freiheit oder Blutvergießen geführt – oder beides? War das eine das andere wert?

Manche Leute Sagen

„Revolutionen führen zu Blutvergießen, nicht zu Freiheit.“

Was meinst Du?

Wichtige Begriffe

Tränengas
Eine nicht tödliche, aber sehr unangenehme Substanz, die auf der ganzen Welt verwendet wird, um Randalierer und Demonstranten auseinanderzutreiben. Es verursacht Atemnot und brennende Augen.
Feldmarschall
In den meisten Armeen stellt der Feldmarschall den höchsten militärischen Grad dar, der sogar über dem General steht.
Unabhängigkeit
Ägypten ist offiziell seit 1922 von Großbritannien unabhängig, konnte sich aber erst 1956 wirklich von der britischen Kontrolle lösen.
Tahrir-Platz
Ein großer öffentlicher Platz in Kairo. Der Tahrir-Platz (Befreiungsplatz) war das Zentrum der Ägyptischen Revolution von 2011. Demonstranten besetzten wochenlang den Platz und wehrten sich erfolgreich gegen die Versuche, sie zu vertreiben. Sie erzwangen schließlich den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak.