Die ethische Dimension des Auschwitz-Tourismus

Auschwitz, Hiroshima, Chernobyl – die einstigen Orte des Schreckens sind heute Magneten für neugierige Reisende. Ein neues Institut fragt nach den Motiven dieses „Schwarzen Tourismus.“

Ein auf einen gewöhnlichen Zaun im ländlichen Nordpolen genageltes Schild verkündet: “Sie betreten einen außergewöhnlich tragischen und grausamen Ort. Bitte verhalten Sie sich respektvoll.“

Der Zaun begrenzt das Konzentrationslager Auschwitz, Schauplatz des wohl grausamsten Völkermordes, der je stattgefunden hat. Zwischen 1940 und 1945 ermordete das teuflische Naziregime an diesem Ort eine Million Männer, Frauen und Kinder.

Heute empfängt Auschwitz ca. 600 000 Touristen jährlich. Warum nehmen so viele die lange Reise auf sich, um einen Ort zu besuchen, der nichts außer Horror und Traurigkeit anzubieten hat? „Um es selbst zu sehen“, sagen Besucher, „Um zu verstehen“.

Dieser “Dunkle Tourismus” ist heute ein großer Industriezweig. Ob es sich um Konzentrationslager in Mitteleuropa, Kriegsgräber in Frankreich oder Ground Zero handelt: Ganze Busladungen an Reisenden strömen zu diesen und vielen anderen Orten des Schreckens.

Jetzt hat die University of Central Lancashire das weltweit erste Institut zur Untersuchung des „Schwarzen Tourismus“ gegründet. Das Institute of Dark Tourism Research wird einige der problematischen Aspekte solcher „Pilgerfahrten der Trauer“ analysieren.

In einigen Fällen ist der Umgang mit den traumatischen Erlebnissen der Vergangenheit geradezu pietätlos. So können Besucher der „killing fields“ in Kambodscha – wo Millionen von einem brutalen kommunistischen Regime abgeschlachtet wurden – die Mörder imitieren, indem sie mit schweren Waffen in ausgebrannte Busse feuern.

Der “Schwarze Tourismus” kann sich auch auf Einzelfälle beschränken und lokale Gemeinden verstören. Nachdem zwei junge Mädchen in Soham ermordet wurden, sah sich das Dorf in der Grafschaft Cambridgeshire einer wahren Flut an Fremden ausgesetzt, die Blumen niederlegten und öffentlich weinten. Schließlich baten die Anrainer darum, alleine gelassen zu werden, um die Tragödie verarbeiten zu können.

Das Herz der Finsternis

Steckt hinter dem “Schwarzen Tourismus” eine bedenkliche Faszination an Katastrophen und Tod?

Beführworter meinen, dass die direkte Konfrontation mit dem Horror dazu beitragen kann, sich in die Opfer einzufühlen. Solange wir diese Orte ernsthaft und mit Respekt behandeln, helfen sie uns dabei, das Leid zu verstehen und dafür zu sorgen, dass die schlimmsten Ereignisse der Geschichte nicht wiederholt werden.

Skeptiker geben zu, dass diese Motive gut klingen, aber sie bezweifeln, dass die involvierten Gefühle auch immer gesund sind. Horrorszenen anzustarren ist nicht nur eine Herausforderung, sondern kann auch zur Abstumpfung beitragen. Unfälle auf der Autobahn führen zu Staus, weil die Vorbeifahrenden sich Zeit lassen, um das Gemetzel zu studieren. Ähnliches gilt für den Holocaust.

Du Entscheidest

  1. Würdest du nach Auschwitz fahren, wenn du die Möglichkeit hättest?
  2. Warum fühlen sich Menschen zu Tod und Katastrophen hingezogen?

Aktivitäten

  1. Berichte in einem Brief an einen Freund über eine Reise zu einem (echten oder erfundenen) Katastrophenort. Beschreibe deine Gedanken und Gefühle.
  2. Stell dir vor, du wurdest gewählt, um ein Land nach einem schrecklichen Ereignis zu regieren. Was würdest du mit dem Ort des Schreckens machen? Würdest du ein Mahnmal daraus machen, oder etwas ganz anderes?

Manche Leute Sagen

„Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man jemals etwas so schreckliches wie den Holocaust‚ verstehen‘ oder sich wirklich in die Opfer hineinversetzen könnte.“

Was meinst Du?

F & R

Ich bin einmal im London Dungeon gewesen. Bin ich ein „schwarzer Tourist“?
Das hängt von der Definition ab. Es gibt verschiedene solcher Museen, in denen schreckliche Ereignisse aus der Geschichte in kitschigen, blutrünstigen Szenen dargestellt werden. Touristen besuchen diese Museen nicht um sich zu informieren oder um mitzufühlen – der Horror dient der Unterhaltung. Ob dies guter oder schlechter Geschmack ist, ist eine andere Frage.
Wenn ich mich dazu entscheide, Orte wie die „killing fields“ zu besuchen, wie kann ich es vermeiden, Anstoß zu erregen?
Sei einfach respektvoll. Bedenke, dass einige der anderen Besucher oder Fremdenführer eine persönliche Verbindung zu den Opfern haben könnten – viele der Tragödien sind noch aktuell und hatten Einfluss auf Menschen, die heute noch am Leben sind.

Wichtige Begriffe

Konzentrationslager
Einen Eindruck von der Größe von Auschwitz bekommt man, wenn man bedenkt, dass es sich nicht nur um ein Lager, sondern um 49 handelt. Das berüchtigtste ist Birkenau, das Todeslager, in dem Gefangene in Duschen mit Giftgas gezwungen wurden. Weitere Todesursachen waren Hunger und Krankheiten.
Ground Zero
Nach dem Angriff auf die Twin Towers des World Trade Centers in New York 2001, bei dem Tausende getötet wurden, wurde der nunmehr ebenerdige Ort “Ground Zero” genannt. Neben einer 11. September Gedenkstätte und einem Museum wird jetzt ein Wolkenkratzer namens „Freedom Tower“ errichtet.
Pilgerfahrten
Auch Wallfahrten aus religiösen Gründen könnten manchmal als Trauertourismus klassifiziert werden, da Wallfahrer oft Orte besuchen, an denen Märtyrer gestorben sind oder begraben wurden. In Geoffrey Chaucers Canterbury Tales z. B. reist eine Pilgergruppe nach Canterbury, um den Ort zu besuchen, an dem Erzbischof Thomas Becket vom König ermordet wurde.