Deutschland führt „drittes Geschlecht“ ein

Nicht nur blau und pink: Sollten alle Babys als Mädchen oder Buben klassifiziert werden?

Jedes Jahr werden tausende Babys geboren, die biologisch gesehen Zwitter sind. Diskussionen über ein „drittes Geschlecht“ nehmen zu. Sind Genderfragen noch komplizierter als wir glauben?

„Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Hollywood zufolge ist dies die erste Frage frischgebackener Eltern. Aber in vielen Fällen ist die Antwort weit davon entfernt, eindeutig zu sein.

Natürlich werden die meisten Babies mit ziemlich eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren, aber ungefähr ein Baby von zweitausend kommt mit einem „undefinierbaren Geschlecht“ auf die Welt, d. h. dass die genetischen, anatomischen und hormonellen Merkmale teils männlich und teils weiblich sind.

Also, Junge oder Mädchen? In den meisten Ländern müssen die Eltern schnell wählen: Geburtsurkunden verlangen nach Angabe des sozialen Geschlechts (Gender) und die Entscheidung hat rechtliche Auswirkungen für das spätere Leben. Deutschland aber geht einen alternativen Weg. Eltern, deren Kinder nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, können von nun an das Geschlecht offen lassen.

Anstatt eines „M“ oder „F“ befindet sich dann ein „X“ an der entsprechenden Stelle in der Geburtsurkunde. Und obwohl die meisten dieser Kinder später eines der beiden traditionellen Geschlechter wählen werden – entsprechend der Entwicklung ihrer Körper oder ihres Selbstverständnisses als Mann oder Frau – werden sie in Zukunft auch die Möglichkeit haben, ihre intersexuelle Identität zu behalten.

Auch andere Länder haben ähnliche Schritte unternommen: Australien gestattet geschlechtliche Neutralität, und die „Hijra“ Südasiens, die von einer langen Geschichte von Unterdrückung und Missbrauch geprägt sind, werden nun in Indien und Pakistan rechtlich anerkannt.

Viele intersexuelle Menschen begrüßen diese Entwicklung. Eine Person beschrieb, wie ihr soziales Geschlecht operativ konstruiert wurde, um dem Druck, einer konventionellen Kategorie anzugehören, gerecht zu werden. „Ich werde immer ein medizinisches Patchwork bleiben, verletzt und verstört.“

Aber nicht alle Aktivisten der intersexuellen Bewegung freuen sich über die neuen Bestimmungen.

Genderproblematik

Tatsache ist nun einmal, dass die Gesellschaft auf einem binären Geschlechtsmodell beruht. Kinder, denen gesagt wird, dass sie in keine der beiden Kategorien passen, wachsen unsicher und verstört auf. Sie werden in der Schule gemobbt und fühlen sich an allen Orten – von Kleidungsgeschäften bis hin zu öffentlichen Toiletten – fremd. „Ein künstlich aufgedrücktes Geschlecht ist besser als überhaupt keines”, sagen manche.

Wieder andere argumentieren, dass die neuen Gesetze nicht einmal annähernd weit genug gehen. Nicht nur „biologisch indeterminierte Menschen“ sollten ihr Geschlecht wählen dürfen, sondern alle, die sich nicht vollständig männlich oder weiblich fühlen, müssen davor bewahrt werden, in eine einzige Kategorie gezwängt zu werden.

Du Entscheidest

  1. Ist es gut, wenn das Gesetz alle Menschen in weiblich und männlich unterteilt?
  2. Bestimmt die Biologie immer schon das Geschlecht?

Aktivitäten

  1. Entscheide dich für jeweils eine Person aus der Populärkultur, die männlichen oder weiblichen Stereotypen entspricht. Existieren solche Typen wirklich?
  2. Was bedeutet Gender bzw. (soziales) Geschlecht? Schreib deine eigene Definition und vergleiche mit deinen Mitschülerinnen und Mitschülern.

Manche Leute Sagen

„Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.“Simone de Beauvoir“

Was meinst Du?

F & R

Ich kann mir nicht vorstellen, wie man mit seinem Geschlecht nicht zufrieden sein kann.
Du vielleicht nicht. Aber es ist nicht so einfach, wie du denkst: Viele Experten insistieren darauf, dass Sexualität bei weitem nicht so eng fassbar ist, wie wir glauben. Man kann z. B. männliche Chromosomen und weibliche Genitalien haben. Und sogar jene Menschen, die biologisch eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, weisen unterschiedliche Grade an Männlich- und Weiblichkeit auf.
Aber wo führt uns das hin? Kann dann z. B. jemand sagen, dass er oder sie nur zu 80% männlich oder weiblich ist?
Einige würden das so sagen! Wichtig ist jedenfalls, dass sich niemand von dem Geschlecht, mit dem er oder sie geboren ist, eingeschränkt fühlt. Man sollte immer die Person sein können, die man sein will, unabhängig von Körper und Genetik.

Wichtige Begriffe

Ziemlich eindeutigen
Aber eben nicht ganz eindeutig. Es ist nicht selten, dass ein Baby mit bestimmten sexuellen Merkmalen geboren wird, sich aber im Laufe der Pubertät mehr dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt.
Ein Baby von zweitausend
Das könnte zunächst als geringe Zahl erscheinen, bedeutet aber, dass ein Land von der Größe Deutschlands zehntausende Menschen beheimatet, deren biologisches Geschlecht unklar ist.
Rechtliche Auswirkungen
Obwohl Länder wie Deutschland und Großbritannien Männer und Frauen grundsätzlich als gleichberechtigt vor dem Gesetz sehen, gibt es immer noch zahlreiche Bestimmungen, für die das Geschlecht eine Rolle spielt.
Hijra
Eine Gruppe von Menschen mit uneindeutiger Geschlechtsidentität. Zu den Hijras zählen Eunuchen, die früh kastriert worden sind, Männer, die sich wie Frauen benehmen und kleiden, sowie Personen, die mit einem unbestimmbaren Geschlecht geboren worden sind. Sie gehören der untersten Gesellschaftsschicht an, leben meist in Armut und werden häufig als Sexarbeiter ausgebeutet.
Operativ konstruiert
Kinder, die mit weiblichen und männlichen Genitalien geboren worden sind, werden oft operiert, nachdem die Eltern entschieden haben, mit welchem Geschlecht sie aufwachsen sollen. Laut manchen Studien können solche Operationen ernsthafte Traumata zur Folge haben.