Der Selbstmord von Gary Speed provoziert unangenehme Fragen

Der Tod des vielgeliebten walisischen Nationaltrainers schockiert: Warum nimmt sich ein vermeintlich glücklicher Mensch das Leben? Eine dunkle Seite der privilegierten Welt des Fußballs tut sich auf.

Samstagnachmittag schien Gary Speed guter Dinge zu sein und sprach in der BBC 1-Sendung Football Focus angeregt über das vielversprechende fußballerische Talent seiner jungen Söhne.

Am frühen Sonntagmorgen fand ihn seine Frau Louise tot in ihrem Haus in Cheshire. Offenbar hatte er sich das Leben genommen.

Als sich die Nachricht von seinem Tod verbreitete, begannen Respektbekundungen aus der Fußballwelt einzutreffen. Das dominierende Gefühl war Schock. Michael Owen twitterte, dass er sich „taub“ fühle, während Ex-Kollege Robbie Savage einfach nur „Warum? Warum? Warum?...“ antwortete. „Er hat zwei wunderbare Kinder und eine schöne Frau zurückgelassen. Er hatte alles.“

Diese Aussage entspricht genau dem Gefühl des Unglaubens, das so viele empfanden, als sie von Speeds Selbstmord hörten. Es ist unbegreiflich, dass ein Mann, der seine Passion für den Sport zum Beruf gemacht hatte, sehr gut verdiente, ein erfüllendes Familienleben führte und enge Freunde hatte, in solche Verzweiflung stürzen konnte. Da bei Speed keine Anzeichen einer Depression erkennbar waren, erscheint die Tat noch rätselhafter.

Allerdings gibt es auch ähnliche Fälle: Der deutsche Fußballer Robert Enke nahm sich 2009 das Leben; Sunderland-Keeper Tim Carter erhängte sich 2008, und erst kürzlich unternahm der deutsche Bundesligaschiedsrichter Babak Rafati kurz vor Spielbeginn einen Selbstmordversuch. Anscheinend ist Depression unter Sportlern häufiger als man glaubt.

Das Selbstmordrisiko ist unter jungen Männern besonders hoch – drei- bis viermal höher als bei Frauen – und Fußball ist eindeutig eine männlich dominierte Industrie. Prominente wie Catherine Zeta-Jones haben versucht, der Stigmatisierung psychischer Krankheiten entgegenzuwirken, indem sie offen über Depressionen oder bipolare Störungen sprechen. Fußballer leiden jedoch lieber in machohafter Stille, anstatt Hilfe zu suchen.

Durchbeißen

Teile der Gesellschaft zögern, wenn es darum geht, offen über psychische Krankheiten zu sprechen. Für manche Menschen ist das Bekenntnis zu mentalen Problemen ein Zeichen von Schwäche; das Leiden an Depression oder anderen Krankheiten wird als schamvoll empfunden. Laut gängiger Meinung sollte man Probleme für sich behalten und sich einfach alleine „durchbeißen“.

Aber Psychologen weisen darauf hin, dass das Ignorieren von emotionalen Problemen die schlechteste Option darstellt. Wenn depressive Menschen keine Hilfe suchen, können sie ihre Probleme nicht aus einer Außenperspektive betrachten und riskieren, introvertiert zu werden. Wir sind jedoch soziale Wesen und sollten unsere Gefühle mit Familie und Freunden teilen und keine Angst vor professioneller Unterstützung haben.

Du Entscheidest

  1. Glaubst du, dass Männer größere Schwierigkeiten haben als Frauen, über ihre Gefühle zu reden?
  2. Helfen Prominente der Gesellschaft wirklich, indem sie über ihre Erfahrungen mit Depressionen sprechen? Für manche führt dies zur Aufhebung des Tabus, das mit psychischen Krankheiten verbunden ist, während andere darin nur Selbstmitleid sehen. Was denkst du?

Aktivitäten

  1. Erinnere dich an eine Zeit, in der du traurig oder einsam warst. Schreib einen Brief an dein damaliges Selbst und nenne alle positiven Aspekte deiner Person.
  2. Erforsche eine psychische Krankheit, ihre Symptome und Behandlungsmethoden, und präsentiere der Klasse deine Ergebnisse.

Manche Leute Sagen

„Menschen, die £20.000 in der Woche verdienen, haben keinen Grund, depressiv zu sein.“

Was meinst Du?

Wichtige Begriffe

Durchbeißen
Durchhalten, ausdauern. Entspricht dem englischen Ausdruck „to show a stiff upper lip“.
Stigmatisierung
Stammt vom altgriechischen Wort stigma, was „Brandmal“ bedeutet. Es bezeichnet Gefühle des Unbehagens oder der Abneigung, die manche Menschen gegenüber Personen empfinden, die auf irgendeine Weise von der Norm abweichen. Man könnte sagen, dass es eine soziale Stigmatisierung von blinden Menschen oder Menschen in Rollstühlen gab.
Bipolar
Früher in der Bedeutung von manisch-depressiv bekannt, bezeichnet dieses Wort heute eine ganz Reihe von Störungen im „bipolaren Spektrum“. Betroffene leiden am ständigen Wechsel zwischen äußerst positiven, euphorischen und depressiven, lustlosen Zuständen.
Professionelle Unterstützung
Schätzungen zufolge leidet eine von vier Personen im Laufe ihres Lebens an Depressionen. Psychische Erkrankungen stellen also keine Einzelfälle dar, für die man sich schämen muss.