Der Mann, der die Welt durch Nichtstun rettete

Bauchgefühl: „Ich wusste, niemand würde einen Fehler von mir je wieder gutmachen können.“

Könnte der Dritte Weltkrieg aus Versehen ausbrechen? 1983 ignorierte Stanislav Petrov einen Atomwaffen-Angriff der USA. Es war ein Fehlalarm. Jetzt ist der Held mit 77 Jahren verstorben.

Es ist der 26. September 1983. Früh morgens, in einem geheimen Militärbunker nahe Moskau, muss Oberstleutnant Stanislav Petrov eine Entscheidung treffen.

Er überprüft das Satellitensystem der Sowjetunion auf Zeichen für einen Atomwaffenangriff – und die Amerikaner schießen fünf Raketen ab. Sirenen heulen. Rote Bildschirme blinken. Es bleiben wenige Minuten für einen Gegenangriff, der den Dritten Weltkrieg auslösen und unzählige Menschen das Leben kosten würde. Petrov müsste sofort seine Vorgesetzten informieren. Doch er tut nichts.

„Ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch“, erzählte er der Washington Post viele Jahre später. Warum sollten die USA nur fünf Raketen abschießen, wenn sie tausende hatten? Er war sich sicher, dass ein technisches Problem dahintersteckte. Petrov sollte Recht behalten. Die Satelliten hatten auf Sonnenstrahlen reagiert, die von Wolken reflektiert worden waren. Dass es sich tatsächlich um einen Fehlalarm handelte, „war eine unglaubliche Erleichterung.“

Erst wurde Petrov für seine schnelle Reaktion gelobt, dann dafür getadelt, dass er das Ereignis nicht ordnungsgemäß protokolliert hatte und schließlich vergessen. Er verließ das Militär. Die Sowjetunion zerfiel. Erst 1998 erzählte einer seiner Generäle die Geschichte, und Petrov wurde berühmt als „der Mann, der die Welt rettete“. Seit September diesen Jahres wissen wir, dass er im Mai an einer Lungenentzündung gestorben ist.

Die Welt ist mehr als einmal knapp an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt. Am bekanntesten ist die Kubakrise, aber auch diverse Falschmeldungen – mal ausgelöst vom Mond, mal von einem kaputten Telefon – hätten zu einem Angriff führen können. Im September warnte Donald Trump vor der UNO vor den Gefahren, die von „unberechenbaren Staaten“ wie Nordkorea ausgingen. Ist eine technische Störung der wahrscheinlichere Kriegsgrund?

Die Apokalypse war nicht so gemeint

„Ja“, sagen die einen. Ein großer Teil der amerikanischen Nukleartechnik stammt aus Petrovs Ära; manche Daten sind noch auf Floppy Diks gespeichert. Ein Fehler oder eine Cyber-Attacke sind gut vorstellbar. Nicht zu vergessen, dass nur ein Mensch einen US-Atomwaffenangriff starten kann: Donald Trump. In solch angespannten Zeiten könnte ein Missverständnis verheerende Folgen haben.

„Unwahrscheinlich“, meinen andere. Petrov hat immer darauf bestanden, dass er kein Held war, sondern nur seinen Job gemacht hat. Er war sicher, dass „Menschen klüger sind als Computer“; im Gegensatz zu ihnen haben wir Urteilsvermögen und Instinkt. Selbst Nordkorea will nicht wirklich einen Atomkrieg, und auch wenn Trump sehr sprunghaft sein kann, ist er doch von nüchtern denkenden Generälen umgeben.

Du Entscheidest

  1. Sei ehrlich: Wenn Du 1983 in Petrovs Situation gewesen wärst, wärst Du Deinen Befehlen oder Deinem Instinkt gefolgt?
  2. Was wäre der wahrscheinlichste Auslöser für einen Dritten Weltkrieg?

Aktivitäten

  1. Die ganze Klasse erstellt eine Liste von Situationen, die einen Atomschlag eurer Meinung nach rechtfertigen würden. Dann diskutiert ihr darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass diese Umstände eintreten werden.
  2. Recherchiere ein anderes Mal, wo ein Atomkrieg nur knapp verhindert wurde. Schreibe anschließend einen kurzen Text darüber, warum sich so ein Moment heute wiederholen könnte oder auch nicht.

Manche Leute Sagen

„Nichts auf der Welt ist gefährlicher als menschliches Versagen.“

Was meinst Du?

F & R

Was wissen wir?
Nach Angaben der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen gibt es weltweit etwa 15.000 einsatzbereite Atomraketen. Das sind weit weniger als zu Zeiten des Kalten Krieges. Sie sind jedoch auf mehr Länder verteilt, einschließlich Nordkorea, und die Spannungen zwischen Nordkorea und den USA haben stark zugenommen.
Was wissen wir nicht?
Wie, wann oder ob ein Atomkrieg jemals stattfindet. Es stimmt, dass nur Donald Trump einen nuklearen Angriff der USA befehlen kann, aber es ist nicht sicher, dass das Militär ihm Folge leisten würde, wenn er ungerechtfertigt erscheint. Dafür gibt es einen Präzedenzfall. Weil er Präsident Nixon misstraute, wies 1974 der US-Verteidigungminister das Militär an, einen Befehl zum Atomangriff erst ihm zu melden.

Wichtige Begriffe

26. September 1983
Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren auf dem Tiefpunkt. Drei Wochen zuvor hatten die Sowjets ein südkoreanisches Flugzeug abgeschossen. Alle 269 Passagiere starben, darunter ein amerikanischer Kongressabgeordneter. US-Präsident Ronald Reagan nannte die UdSSR das „Reich des Bösen“.
Sowjetunion
Das kommunistische Land, auch UdSSR genannt, bestand von 1922 bis 1991. Regierungszentrale war Moskau. Mit den USA herrschte während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Kalter Krieg.
Tausende
Laut US-Energieministerium verfügten die USA 1983 über 23.305 Atomwaffen; Höchststand waren 28.537 Stück im Jahr 1974. Heute sind es noch 6.800.
Kubakrise
Im Jahr 1962 kam es zu einem 13 Tage langen Kräftemessen zwischen amerikanischen und sowjetischen Kriegsschiffen. Der Kapitän eines sowjetischen U-Bootes dachte, er sei angegriffen worden, und befahl, einen nuklearen Torpedo abzufeuern. Ein anderer Offizier konnte es ihm ausreden.
Nordkorea
Nach dem sechsten Atomwaffentest behauptet das Land, seine Raketen könnten jetzt auch die USA erreichen.