Brauchen wir Freunde? Die Zweifel eines Autors

Für euch da: Von 1994 bis 2004 hatte Friends in den USA 20 bis 25 Millionen Zuschauer je Folge.

Studien sagen, dass Freunde uns gesund und glücklich machen. Der US-Schriftsteller Richard Ford wird dagegen “misstrauisch”, wenn Leute viele Freunde haben. Sind Freundschaften überbewertet?

“Irgendetwas ist faul beim Thema Freundschaft”, schrieb der Autor und Pulitzer-Preisträger Richard Ford kürzlich in der britischen Zeitung The Guardian. Er zitierte ein Gespräch, in dem er nach seinen engsten Freunden gefragt wurde. Seine Antwort lautete: “Weiß nicht.”

Sein Gegenüber schien beunruhigt, schrieb Ford, “als würde etwas mit mir nicht stimmen.” Er habe Freunde, versicherte er, allerdings “nicht viele”. Es mache ihn “misstrauisch, wenn jemand viele Freunde hat.” Warum? Fords Theorien: Vielleicht gab es in seiner Jugend nicht genügend positive Freundschafts-Vorbilder. Vielleicht ist er selbst nicht sonderlich sympathisch. Vielleicht habe es, wie fast alles, irgendetwas mit Trump zu tun.

Letztlich, so Ford, sei er sich nicht sicher, was Freundschaft bedeutet. Er traue seinen Mitmenschen nicht besonders, sagt er, und er glaube nicht daran, dass ein Mensch außergewöhnlicher sein solle als ein anderer: “Klar bin ich für zwischenmenschliche Nähe, aber kann ich nicht die Welt im allgemeinen mögen?”

Freundschaft – in Form von starken sozialen Bindungen – ist so alt wie die Menschheit selbst. Der Anthropologe Robin Dunbar denkt, dass sie uns bei unserer Entwicklung geholfen hat. Seine Studien belegen, dass Menschen und Primaten, die in größeren sozialen Gruppen leben, größere Gehirne haben. Schließlich nutzte der Menschheit beim Überleben und Wachsen vor allem ihre Fähigkeit zu kooperieren und Wissen weiterzugeben.

Andere Studien weisen den Nutzen von Freundschaft für den Einzelnen nach. Erst im April diesen Jahres fanden Forscher heraus, dass unsere engsten Freunde uns helfen, Resilienz aufzubauen. Anderen Untersuchungen zufolge machen starke freundschaftliche Beziehungen Menschen glücklich. Gemeinsame Aktivitäten, sei es singen, tanzen oder joggen, scheinen Endorphine freizusetzen und das Immunsystem zu stärken. In anderen Worten, mit Deinen Kumpels abzuhängen, ist ein Grippe-Abwehrmittel.

Aber Studien zeigen auch, dass Leute mit zunehmendem Alter immer weniger Freunde haben. Die besten Freunde heiraten, kriegen Kinder oder ziehen weg. Sobald wir 25 werden, verlieren wir jedes Jahr mehr Freundschaften als wir schließen.

Freundschaft ist magisch

Vielleicht sind Fords Bemerkungen ja gar nicht so schockierend, sagen die einen. Er ist über 70, seit fast 50 Jahren verheiratet und hat Erfolg in einem Job, von dem andere nur träumen. Wozu braucht er gute Freunde?

Wie tragisch, entgegnen andere. Freundschaft ist nicht so kompliziert wie Ford meint. Es geht doch nur darum, seine Zeit gerne miteinander zu verbringen und da zu sein, wenn man sich braucht. Was hat man vom Erfolg wenn man ihn mit niemandem teilen kann?

Du Entscheidest

  1. Wird Freundschaft überbewertet?
  2. “Du kennst das Wesen eines Menschen, wenn du weißt, mit wem er sich umgibt”, sagte der Maler Odilon Redon. Stimmst Du ihm zu?

Aktivitäten

  1. Zähle die fünf entscheidenden Dinge auf, die Menschen Deiner Meinung nach brauchen, um glücklich zu sein, und ordne sie nach ihrer Wichtigkeit. Steht Freundschaft auf Deiner Liste?
  2. Lies Richard Fords Artikel “Wer braucht Freunde?” (“Who needs Friends?”); Du findest ihn unter Become an Expert. Schreibe anschließend eine Stellungnahme mit Deiner eigenen Antwort auf diese Frage.

Manche Leute Sagen

„Statt ein Freund zu werden, werde kein Feind.” – Ecclesiasticus“

Was meinst Du?

F & R

Was wissen wir?
Robin Dunbar hat herausgefunden, dass die Zahl der Freunde, die man auf einmal haben kann, begrenzt ist: zwei beste Freunde, fünf sehr enge Freunde, 15 enge Freunde, 50 gute Freunde, 150 Freunde und 500 Bekanntschaften. Diese Formel könne zwar je nach Individuum variieren, sagt Dunbar, passe aber grob zu den Daten von Facebook und Mobiltelefonen. Auch der positive Einfluss zwischenmenschlicher Beziehungen auf unser Wohlbefinden ist wissenschaftlich belegt.
Was wissen wir nicht?
Warum genau diese Beziehungen so wichtig sind und wieso sie diesen Wirkung auf unsere Gesundheit haben. Wir wissen auch nicht, ob Freundschaften wichtiger sind als Familien- oder Paarbeziehungen. Richard Ford behauptet sogar, dass wir nicht einmal wissen, was Freundschaft eigentlich ist.

Wichtige Begriffe

Richard Ford
Der Autor hat seit den 70er Jahren viele Romane und Kurzgeschichten geschrieben, so auch Independence Day, das 1995 den Pulitzer Preis gewann. Er gilt als einer der großen US-Schriftsteller so wie Hemingway, Faulkner und Updike.
Größere Gehirne
Laut Dunbar trifft dies auf die Gattung zu (Makaken haben größere Gehirne und größere Sozialverbände als Tamarine) aber auch auf Individuen. Personen mit einem größeren Bekanntenkreis haben eine größere präfrontale Hirnrinde.
Resilienz
Erwiesen durch eine Studie mit 185 Erwachsenen der Universität Brighton.
Untersuchungen
Für die Grant Studie z.B. wurden 268 amerikanische Männer 75 Jahre lang begleitet. Ergebnis: Die besten Chancen, mit 80 Jahren noch zu leben und glücklich zu sein, hat, wer nachts um vier jemanden anrufen kann, um über seine Sorgen zu sprechen.
Endorphine
Hormone, die das Immunsystem ankurbeln.
25
Das hat eine gemeinsame Studie der Universitäten Aalto (Finnland) und Oxford (UK) ergeben, für die Daten von drei Millionen Mobiltelefon-Nutzern ausgewertet wurden.