Architekt möchte eine Stadt nur für Fahrräder

Der Kreis des Lebens: Das Fahrrad entstand zu einer Zeit, als Pferde in Europa knapp waren.

Soll man Autos verbieten? Vor fast 200 Jahren wurde das Fahrrad erfunden, was unsere die Fortbewegung dauerhaft verändert hat. Jetzt fordert ein Mann den Bau von „Velotopia“ ...

Stell’ dir eine kreisförmige Stadt mit einem Durchmesser von 15 km vor. Sie heißt Velotopia. Es gibt keine Ampeln und keine Parkplätze, überhaupt keine Autos. Motorisierte Fahrzeuge haben nur Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Müllabfuhr. Man kann die Stadt mit Zügen verlassen, aber in ihren Grenzen fahren keine.

Wie bewegt man sich fort in dieser seltsamen Stadt? Der Name ist Programm: Er stammt von dem Wort Veloziped. Das ist ein Fahrzeug mit einem oder mehreren Rädern, das mit menschlichen Füßen angetrieben wird. Mit anderen Worten: ein Fahrrad.

Velotopia heißt auch das neue Buch des Architekten Steven Fleming, das im Oktober veröffentlicht wird. Es will den Bau reiner Fahrradstädte voranbringen. Eine radikale Idee – aber Fleming argumentiert mit dem Nutzen für „Gesundheit, Wohlstand und Umwelt“, gerade in Zeiten von Luftverschmutzung, Klimawandel und steigendem Übergewicht.

Das Buch erscheint 200 Jahre nachdem der Deutsche Karl von Drais das Fahrrad erfunden hat. Es war ein Laufrad aus Holz, bei dem man sich mit den Füßen vom Boden abstieß. 1839 verbesserte der Schotte Kirkpatrick Macmillan die Konstruktion, indem er ihr Pedale hinzufügte. Das Hochrad mit einem riesigen Vorderrad blieb ein kurzlebiges – und gefährliches – Experiment in den 1870er Jahren.

Ende des 19. Jahrhunderts dann kam das „Sicherheits-Fahrrad“, was einem modernen Rad sehr ähnelt. Es war besonders revolutionär für Frauen, die zum ersten Mal längere Strecken alleine fahren konnten. Außerdem lieferte es ihnen einen Grund, lange Röcke und Korsetts abzulegen. Von der US-amerikanische Suffragette Susan B. Anthony stammt das Zitat: „Frauen fahren mit dem Rad zum Wahlrecht.“

Heute werden mehr Fahrräder gebaut als Autos, und es gibt ungefähr zwei Milliarden Fahrradfahrer auf der Welt. Radfahren ist eine zügige, saubere und gesunde Art und Weise der Fortbewegung. Sollten wir nicht alle Flemings Traum von Velotopia teilen?

Lenken und denken

„Her damit!“ sagen Fahrrad-Fans. Die Gründung neuer Städte kurbelt die Wirtschaft an und bekämpft Wohnungsnot. Wenn die Städte Fahrrädern statt Autos angepasst sind, verbessert das die Gesundheit ihrer Bewohner und des Planeten. Gleichzeitig machen Endorphine, die bei der sportlichen Betätigung freigesetzt werden, die Leute glücklich. Gibt es einen Nachteil?

„Langsam“, warnen andere. Erstens sind Autos für lange Strecken und Familien praktischer; man sollte die Freiheit haben, sie zu benutzen. Zweitens ist es nicht immer eine gute Idee, neue Städte zu gründen – man muss schon sicher sein, dass Leute darin wohnen wollen. Wäre es nicht besser, bestehende Städte zu verbessern, anstatt ein so großes soziales Experimente zu wagen?

Du Entscheidest

  1. Würdest du gern in Velotopia leben?
  2. Was ist die beste Erfindung der letzten 200 Jahre?

Aktivitäten

  1. Entwirf deine eigene Version von Velotopia. Denke dabei daran, dass Leute dort wohnen, arbeiten, einkaufen und lernen müssen, in einer mit dem Rad erreichbaren Nähe.
  2. Sieh dir die Illustration zur Geschichte des Fahrrads am Anfang des Artikels an. Zehn Gruppen suchen sich je ein Ereignisse oder eine Erfindung aus und bereiten dazu eine kurze Präsentation für die Klasse vor.

Manche Leute Sagen

„Das Fahrrad ist reine Vernunft übertragen in Bewegung ... Es trägt so viel zum Wohle des Menschen bei und nichts zu seinem Ruin.“ – Angela Carter“

Was meinst Du?

F & R

Was wissen wir?
In den 1810er Jahren starben in Europa tausende Pferde aufgrund von Missernten – was Karl Drais inspirierte, ein Transportmittel zu erfinden, das man nicht füttern musste. 1817 stellte er seine Laufmaschine vor, die er nach sich selbst Draisine nannte. 200 Jahre später ist Fahrradfahren immer noch eine beliebte Fortbewegungsmethode.
Was wissen wir nicht?
Wie Fahrräder funktionieren. Konkreter: Wir wissen nicht, was ein Fahrrad aufrecht hält, wenn es freihändig gefahren oder ohne Fahrer angeschoben wird. Wir wissen nur, dass es (zunächst) nicht umfällt. Unzählige Ingenieure haben die Form des Fahrrads verändert und verfeinert, aber sie können nach wie vor nicht erklären, welche Kräfte darauf wirken. Es gibt keine mathematische Gleichung, um sie zu berechnen.

Wichtige Begriffe

Veloziped
Von den lateinischen Wörtern velox für Geschwindigkeit und pes für Fuß.
Veröffentlicht
The Guardian hat im September einen Auszug von Flemings Buch veröffentlicht. Darin sind Details seiner Vision beschrieben, z.B. erhöhte Kreisverkehre, die Radfahrer zum Bremsen zwingen, spezielle Fußgängerbrücken und Offroad-Wege für Mountanbiker.
Luftverschmutzung
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war die Verbrennung von Treibstoffen (Autos eingeschlossen) im Jahr 2012 für den Tod von 3 Millionen Menschen verantwortlich.
Klimawandel
Die Temperatur auf der Erde steigt durch den Ausstoß von Treibhausgasen in die Atmosphäre. 27 Prozent davon werden jedes Jahr vom Verkehr verursacht.
Übergewicht
Wer starkes Übergewicht hat, hat auch häufiger gesundheitliche Probleme wie Herzkrankheiten und Diabetes.
Gefährlich
Auf einem Hochrad saß man sehr weit oben. Stieß das große Vorderrad auf ein Hindernis, wurde man heruntergeschleudert und prallte im schlimmsten Fall mit dem Kopf auf.
Gebaut
Laut Weltbank werden jährlich 100 Millionen Fahrräder gebaut und 60 Millionen Autos.